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Grundformen der Angst oder „Wer entscheidet, was mich ängstigt?“

Ich sitze im Frühstücksraum und starre entgeistert auf den überdimensional großen Fernseher, der die Aktualitäten des Tages ungebremst in mein Frühstücksmüsli hustet.

„Gesunde Ernährung“ ist das nicht gerade, wenn einem der heilige Krieg, die Terrorbedrohung und das Wetter in einem Atemzug und mit gleichbleibendem Lächeln von einer unverhältnismäßig geschminkten Frau zum Frühstück serviert werden.

So gib uns unsere täglichen Bedrohungen

Mein Nachbar verschluckt sich, als von einem Einsatz gegen den islamischen Terror in Bremen berichtet wird. Und – holla – da ist es den Behörden doch tatsächlich mit massivem Polizeiaufgebot gelungen, etliche Handys und Computer zu beschlagnahmen. Gut, gesucht wurden ursprünglich Maschinenpistolen und Handfeuerwaffen, aber was soll´s!?

Wir befinden uns im Datenkrieg. Da sind Handys und Computer mindestens genauso verdächtig. Ich sehe mich um und zähle die im Raum vorhandenen Laptops und Smartphones – beängstigend. Mein Nachbar verschluckt sich erneut und unterstützt meine schlimmsten Bedrohungsfantasien mit dem tiefgründigen Satz: „Da kann man schon Angst bekommen, oder?!“

Fritz Riemann über die Grundformen der Angst

Angst bekommen – ich denke darüber nach und an das Buch, dass ich dazu lese: Fritz Riemann „Grundformen der Angst“. Zugegeben, ich bin kein Fan der Tiefenpsychologie, aber dieses Buch beeindruckt auch einen Skeptiker wie mich immer wieder.

Riemann geht bei seiner Betrachtung davon aus, dass es viele Ängste gibt, die allen Menschen gemein sind. Als wäre das Buch für unsere Generation geschrieben, legt der Autor sehr gut verständlich und geradezu unterhaltsam dar, dass sich unsere Angst auf jedes Objekt, jeden Sachverhalt und jede Person beziehen kann. Riemann beschreibt dabei vier Grundformen der Angst. Was sich individuell ändert, ist die Art und Weise der Angst und/oder das auslösende Moment.

Persönliche Angst-Träger

Während ich früher vor der Klassenarbeit Angst hatte, bestimmen heute die Medien, was mich ängstigen soll. Jährlich sterben in Deutschland 15.000 Menschen an der ganz normalen Grippe. Das, was der „Terror“ bei uns in den letzten Jahren an Opfern verursacht hat, schafft der Marburger Bund quasi in einer Streikpause. Ich habe mehr Angst vor multiresistenten Keimen im Krankenhaus als vor einem Anschlag. Aber letztlich, so Riemann, ändert sich nicht meine Angst sondern nur die Spielart.

Vier Ängste, die alle Menschen in sich tragen

In verblüffend einfachen Beispielen zeigt der Autor auf, dass in jedem von uns eine Mischung aus verschiedenen und doch gut zueinander abgrenzbaren Ängsten besteht.

  • Die Angst vor der Selbsthingabe (quasi: für andere da zu sein), aus der immer auch ein Stück Abhängigkeit resultiert.
  • Die Angst vor der Selbstwerdung (ein Individuum werden), dem ein Verlust an Geborgenheit in einer Gruppe innewohnt.
  • Die Angst vor der Veränderung, die das Symbol stetiger Unsicherheit bildet.
  • Die Angst, die mit einer naturgegebenen Notwendigkeit unseres Seins (Essen, Schlafen, Bedürfnis nach Nähe) einhergeht und aus der ein gewisses Maß an Unfreiheit entsteht.

Aus diesen vier Ängsten leitet der Autor Verhaltensweisen ab, die immer aus einer Mischung dieser Grundformen mit einer gewissen Dominanz einer Grundangst bestehen.

So hat beispielsweise der „hysterische Mensch“ immer die Bereitschaft sich zu wandeln, Veränderungen und Entwicklung zu bejahen. Aber sie oder er (er)lebt auch den Nachteil, Vertrautes aufzugeben und alles nur als „Projekt“ zu erleben. Damit verbunden ist die Angst vor Ordnung, Notwendigkeiten, Regeln und Festlegungen.

Oder der „zwanghafte Mensch“ mit seinem Begehren nach Stabilität und Kontrollierbarkeit. Daraus resultieren jedoch auch Klarheit, Struktur und systematisch wiederholbares Handeln.

Das Gute: Jeder entscheidet selbst

Riemann dokumentiert, wie uns diese Prozesse in unserem täglichen Handeln bis hin zur Partnerwahl beeinflussen. Aber er zeigt auch auf, dass es an jeder/m selbst liegt, die Hinweise auf die Ängste zu bemerken, sich diesen zu stellen und aktiv an einer Ausgeglichenheit zu arbeiten. Es ist an uns – zu entscheiden, was uns Angst macht und was diese Angst mit uns macht.

Ich betrachte den Schreibtischtäter neben mir, mit seinem Waffenarsenal: 2 Handys, 1 Laptop und 2 Kugelschreiber. So sehen Menschen aus, die mit ihrem Optimierungswissen über Cash-Flows und Workloads entscheiden, wo in der Welt Menschen ausgebeutet werden.

Die Tür klappt und aus der Küche kommt eine Frau mit deutlich arabischem Migrationshintergrund, bewaffnet mit Lappen und Eimer. Und während diese wahrscheinlich lohngedumpte Aushilfe die gegebenenfalls vorhandenen multiresistenten Keime beseitigt und sich so meiner Angst annimmt, wütet mein Tischnachbar weiter. Beängstigend.

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Über Doreen Beier

Die Menschen- und Pferdekennerin coacht mit ihren Pferden Führungskräfte aus ganz Deutschland. Ihr Buch „Überholen mit 1 PS – Wie Manager von Pferden lernen“ erzählt amüsant und selbstkritisch zugleich die Geschichte von CHIRONDO, erläutert psychologisches Basiswissen und liefert detaillierte Beschreibungen der Trainingsmethoden. Als Blog-Autor schreibt sie zu Führungsthemen, gibt Einblicke in die CHIRONDO Welt und stellt ihre Vision des modernen Führungskräfte-Trainings vor.
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